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„Muss ich jetzt sterben?“ – Erste Dienste im Krankenhaus


Es war einer meiner erste Dienste, frisch von der Uni auf der Inneren Station als Assistenzarzt. Abends als einziger Arzt im Krankenhaus. Das Telefon klingelte: „Hallooo“, sagte eine Stimme wie aus dem Off. „Hallooo, ist da das Krankenhaus?“ Ja, das sei das Krankenhaus sagte ich. (...) Was denn los sei. „Ich habe gerade eine Packung Psychopharmaka und eine Packung Beruhigungstabletten eingenommen“, sagte die weibliche Stimme in einer seltsam unbetroffen wirkenden Art und Weise. „Ich bin nämlich psychisch krank und wollte mich umbringen“, fuhr sie fort in einem merkwürdigen Singsang als wenn es gar nicht um sie ginge. Im Hintergrund – ich war gerade auf der Intensivstation – gestikulierte der Pfleger, gab mir Stift und Papier und raunte mir zu: „Namen und Adresse! Frag’ nach Namen und Adresse.“ Das tat ich sogleich. „Frag’ nach den Medikamenten.“ Es war eine große Hilfe, hier Pflegekräfte zu haben, die sich mit solchen Situationen auskannten.



„Muss ich jetzt sterben?“, frage die Frau am anderen Ende als würde sie mich fragen, ob ihr der rote oder der grüne Pulli besser stehen würde in einer fast schon unheimlichen Selbstdistanziertheit. „Soll ich den Notfallknopf drücken, damit mein Betreuer kommt?“ Das sei eine wirklich gute Idee sagte ich. Außerdem würde ein Rettungswagen gleich vorbeikommen. Im Hintergrund wurde mir schon die Telefonnummer der Leitstelle des Rettungsdienstes gereicht, den ich sogleich anrief. „Giftnotrufzentrale“, sagte der Pfleger. Ruf mal an, was Du genau tun musst. Gesagt, getan. Ganz so groß war die Menge der Medikamente Gott sei Dank dann doch nicht, wie erst gedacht. Ein bis zwei Tage auf der Intensivstation unter Monitorkontrolle überwachen, sagte die nette Dame der Giftnotrufzentrale und fügte hinzu, mit was für Symptomen im Einzelnen zu rechnen sei.



Zwanzig Minuten später kamen dann die Sanitäter. Doch sie brachten gar nicht die Dame, wie gedacht, sondern einen Mann, der ebenfalls Selbstmord begehen wollte. Auch er hatte eine ganze Schachtel Medikamente geschluckt. Erst nach einer ganzen Weile gelang es mir, herauszufinden was es war. In diesem Fall ein harmloses Medikament, das auch in dieser hohen Dosierung keinen ernsthaften Schaden anrichtet. Aber jemanden mit Selbstmordversuch kann man als Arzt nicht einfach so gehen lassen, auch, wenn er behauptet, er würde sich nicht umbringen wollen. Das sagen sie alle und tun’s dann doch. Also habe ich den Hintergrunddienst, in diesem Fall meinen Chef, angerufen, der in Rufbereitschaft war. Inzwischen war auch die Dame von vorher eingetroffen, die sich bereitwillig verkabeln ließ. Überwachen, Patienten aufklären, wenn er renitent ist, die Polizei holen und ihn in die Psychiatrie zwangseinweisen lassen, sagte der Chefarzt. Ansonsten erst einmal bis morgen überwachen, dann die Psychiaterin hinzuziehen, inwieweit sich die Patienten von ihrem Suizidwunsch distanzieren. Hier gleich psychiatrisches Konsil im Doppelpack.



Das sind noch die harmlosen Fälle, die man in Diensten auf der Inneren im Krankenhaus erlebt. Hier zeigt sich wieder wie wichtig gut ausgebildete Krankenschwestern und –pfleger sind, die in ausreichender Anzahl auch in den Nachtdiensten die Ärzte unterstützen. Gerade wir Ärzte in der Weiterbildung zum Facharzt, und das ist die größte Zahl der Krankenhausärzte, brauchen hier besonders am Anfang berufserfahrene Fachkräfte an unserer Seite. Die Theorie haben wir im Studium gepaukt, doch die Praxis hat oft ihre Tücken. Zumal man im Nacht- oder gar 24-Stunden-Dienst müde ist und nicht immer optimal reagiert, vor allem am Anfang der Karriere. Eine gute Personaldecke auf ärztlicher Seite und pflegerischer Seite ist hier entscheidend und kann Menschenleben retten. Das hat mir das Beispiel, das sich vor einigen Jahren zugetragen hat, ganz deutlich gezeigt


Autor: Peter